Grünes Bündnis Stadt Bern

Thu 06.07.2006

Der Botanische Garten im Clinch zwischen Forschung und Öffentlichkeit

Interpellation Grünes Bündnis (Catherine Weber)

Der Botanische Garten Bern hat eine fast 220-jährige Tradition. Der erste Garten wurde 1789 an der Vannazhalde, unterhalb des Bundeshauses durch die „Privatgesellschaft naturforschender Freunde in Bern“ gegründet. Kurz danach wurde er umgesiedelt an die damalige Judengasse (heutige Kochergasse) beim damaligen Inselspital, danach an den Langmauerweg, wobei das Projekt erstmals vom Kanton finanziell unterstützt wurde. 1804 entstand ein neuer Botanischer Garten bei der heutigen Stadt- und Universitätsbibliothek, damals gehörte der Garten zu einer Privaten Akademie, die Mediziner und Pharmazeuten ausbildete. Dieser Garten blieb bis 1863 bestehen. 1809 wurde ein fünfter Botanischer Garten gegründet, am Rande des Bremgartenwaldes (beim heutigen Studerstein). Er war damals der grösste der Schweiz, mit 320 winterharten Gehölzarten. Die ganze Anlage war für die Öffentlichkeit frei zugänglich, was für die Schweiz ein Novum bedeutete. Dieser Garten bestand bis 1863.

1859 beschloss der Kanton Bern, am Rabbental ein Grundstück zu kaufen und dort einen Botanischen Garten einzurichten sowie ein Botanisches Institut zu bauen. Gegen 4000 m3 vortrefflicher Erde konnten dank der Eisenbahn direkt zum Botanischen Garten gebracht werden, für die schweren Erdarbeiten wurden zum Teil Strafgefangene eingesetzt.

(Quelle: „Erdbeerbaum & Zaubernuss – Pflanzengeschichten aus Botanischen Garten Bern“, Beat Fischer, Thomas Mathis, Adrian Möhl, Herausgeber, Verlag Haupt 2006).

Der Botanische Garten, wie wir ihn seit vielen Jahren kennen und wie er von einer breiten Öffentlichkeit enorm geschätzt wird, hat also eine lange Tradition in der Stadt Bern – sowohl eine Tradition der Forschung als auch die Tradition einer öffentlich zugänglichen Oase mitten in der Stadt. Seit einiger Zeit ist offenbar ein Seilziehen zwischen dem Garten und dem Botanischen Institut im Gange, resp. zur Zeit ist der Druck auf den Bau eines Forschungshauses (Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern) wieder gross. Die Universität Bern (zuständig für Unterhalt, Betrieb und Personal, teilfinanziert durch den Kanton) hat den Vertrag mit dem Garten nur bis Ende 2006 verlängert und es drohen erste Kündigungen der Gärtnerei-Angestellten per Ende September 2006 (einzelne sind vom Kanton/Universität, bzw. von der Stiftung BOGA eingestellt).

Im November 2004 hat der Grosse Rat eine Kreditvorlage in der Höhe von 4’123'800 Mio. Franken für den Teilumbau und die Umnutzung des Sukkulentenhauses zurückgewiesen. Die Rückweisung war verbunden mit der Forderung, für die Bedürfnisse der Pflanzenforschung eine neue Vorlage zu erarbeiten, die den Kern des Botanischen Gartens (die Schauhäuser) nicht tangiert und insgesamt eine kostengünstigere Lösung ermöglicht. In der Debatte waren sich fast alle einig darüber, dass der Botanische Garten der Öffentlichkeit weiterhin uneingeschränkt zugänglich bleiben muss und man für die von der Forschung benötigten Räumlichkeiten andere (Standort)Lösungen prüfen müsse. Im „Streit“ um die nähere Zukunft des Botanischen Gartens gibt es verschiedene Akteure (Kanton, Universität, „Stiftung für den Botanischen Garten Bern“, Pro Flora – Förderverein Botanischer Garten Bern, Verein Aquilegia) und irgendwo dazwischen ist die Stadt Bern. Es ist zu befürchten, dass der öffentliche Teil des Gartens verschwindet oder aus Kostengründen nicht mehr genügend unterhalten wird. Damit sind sowohl der wertvolle Baum- und Gehölzbestand wie auch das europaweit bedeutendste Alpinum gefährdet. Das Grundstück des Botanischen Gartens gehört dem Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern und weist einen amtlichen Wert von 11,9 Mio. Franken aus.

Wir fragen daher den Gemeinderat:

  1. Welche Haltung hat der Gemeinderat im Vorfeld des geplanten Umbaus des Sukkulentenhauses, bzw. zum damals ebenfalls in Planung stehenden Neubau am Aarehang vertreten?
  2. Wie schätzt der Gemeinderat die aktuelle Situation ein (Vertragskündigung der Uni Bern per Ende 2006), und hat er sich diesbezüglich gegenüber der Kantonsregierung oder der Universität Bern bereits geäussert? Wie nimmt die Stadt Bern das doch bedeutende öffentliche Interesse wahr?
  3. Ist der Gemeinderat auch der Ansicht, dass der Botanische Garten weiterhin uneingeschränkt der Öffentlichkeit zugänglich bleiben sollte? Sieht er Möglichkeiten, den Ansprüchen der Forschung auf mehr Raum entgegenzukommen (Parzellenabtausch) oder gibt es andere Wege dafür, dass die Forschung – auch zur Erhaltung des Gartens – an einem geeigneteren Ort ausgebaut werden kann? Ist der Gemeinderat bereit, mit dem botanischen Institut bzw. dem Kanton entsprechende Gespräche zu führen?
  4. -Welche Möglichkeiten sieht der Gemeinderat, um den dauerhaften Erhalt des Botanischen Gartens sicherzustellen (u.a. gezieltere Promotion über Bern Tourismus)? Wäre es denkbar, dass sich die Stadtverwaltung unter Einbezug der Stadtgärtnerei und der Stadtbauten und evtl. auch der Burgergemeinde für eine Mitfinanzierung des öffentlichen Teils des Gartens engagieren könnte? Wäre z.B. eine Übernahme des Gartens durch die Stadt Bern zur langfristigen Sicherung denkbar, wenn ja unter welchen Bedingungen?
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