Anonymisierte Stellenbewerbungen: Pilotversuch auch in der Stadt Bern
Postulat Fraktion GB/JA, Hasim Sancar, Myriam Duc (Grünes Bündnis)
Es ist eine Tatsache, dass Menschen aufgrund von Name, Hautfarbe, Nationalität, Alter, Geschlecht, Religion oder Behinderung im Bewerbungsverfahren benachteiligt oder sogar diskriminiert werden. Dies zeigt die Studie: Le passeport ou le diplôme? Etude des discriminations à l'embauche des jeunes issus de la migration, (Rosita Fibbi, Bülent Kaya, Etienne Piguet, 2003 Neuchâtel: SFM), die im Rahmen des Nationalfondsprojekts Bildung und Beschäftigung durchgeführt wurde. Mittels fiktiven Bewerbungen konnte nachgewiesen werden, dass die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt in der Schweiz eine Realität ist und v.a. Jugendliche aus Nicht-EU-Staaten überdurchschnittlich stark betroffen sind. Vergleichbare Studien in anderen europäischen Ländern (Deutschland, Belgien, Niederlanden und Spanien) sind zu ähnlichen Resultaten gekommen. Gewisse MigrantInnen-Gruppen sind in der Schweiz von dieser Diskriminierung deutlich mehr betroffen als in den erwähnten europäischen Ländern.
Es gibt Bestrebungen, diese Diskriminierungen abzubauen. So hat z.B. in Frankreich die Nationalversammlung im März 2006 beschlossen, dass für Unternehmen mit über 50 Angestellten ein Anstellungsverfahren mit anonymisiertem Lebenslauf obligatorisch wird. Auch in der Schweiz gibt es Initiativen in diesem Bereich. In Genf hat ein Experiment für Anstellungsverfahren mit anonymisiertem Lebenslauf, welches das kantonale Integrationsbüro mit drei grossen Arbeitgebern (Migros Genf, Genfer Stadtwerke SIG und Gemeinde Vernier) durchgeführt hat, diese Tatsache bestätigt (Swissinfo von 23. 3.06, WOZ von 31.8.06). Die Projektleitung entfernte alle Hinweise auf Herkunft, Alter und Geschlecht aus den Bewerbungsschreiben. Übrig blieben nur Ausbildung und berufliche Qualifikationen. Die anonymisierten Bewerbungen wurden wie üblich behandelt und die für die Stelle geeigneten KandidatInnen wurden zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Die drei Arbeitgeber gaben zu, dass mit dem neuen System z.B. ältere Personen und GrenzgängerInnen mehr Chancen erhielten, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Einige dieser so genannten atypischen KandidatInnen wurden dank diesem Verfahren angestellt.
Thierry Apothéloz, der Bürgermeister der Gemeinde Vernier, betont, dass dieses Experiment einen wichtigen positiven Diskussionsprozess ausgelöst hat und er hat sie gelehrt, sich selbst zu testen und das eigene Verfahren zu überprüfen. Die Gemeinde Vernier möchte das Projekt bis Ende Jahr weiterführen und weitere Gemeinden zum Mitmachen anregen.
Ein Anstellungsprozess mit anonymisierten Lebensläufen ist zwar mit einem zusätzlichen Aufwand verbunden, dieser lohnt sich aber für Betroffene und Arbeitgeber. Denn wenn die Bewerbungsunterlagen einmal anonymisiert sind, geht es schneller, das Verfahren ist objektiver und ermöglicht eine bessere Auswahl, wovon der Betrieb letztlich wieder profitiert.
Was mit diesen Versuchen aber v.a. erreicht wurde, ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und ein kleiner Schritt im Kampf gegen Diskriminierungen bei den Anstellungen. Die Stadt Bern kann ebenfalls die Initiative ergreifen, wenn es um Chancengleichheit bei Personalfragen geht.
Daher beauftragen wir den Gemeinderat,
1. in der städtischen Verwaltung sowie in den ausgelagerten Betrieben (ewb, Stabe, Bern Mobil) und subventionierten Institutionen einen Pilotversuch durchzuführen, in dem alle eingehenden Bewerbungen (inkl. Lehrstellen) vor dem Auswahlverfahren anonymisiert werden, d.h. ohne Namen, Herkunft, Adresse, Nationalität, Alter, Geschlecht, Religion und Behinderungen.
2. zu veranlassen, dass die Koordinationsstelle für Integration mit Privatunternehmen einen ähnlichen Pilotversuch startet und diese dabei unterstützt.
3. am Ende des Pilotversuchs dem Stadtrat über die Ergebnisse und Erkenntnisse der beiden Projekte Bericht zu erstatten.
Bern, 7. September 2006
