Perspektiven für junge Migrantinnen bei der Berufsvorbereitung (Projekt AMIE)
Interfraktionelles Postulat Grünes Bündnis/Junge Alternative (Natalie Imboden / Anne Wegmüller); SP/JUSO (Patrizia Mordini / Claudia Kuster), GFL/EVP (Rania Bahnan)
Das berufsvorbereitende Schuljahr für Migrantinnen (AMIE) steht offenbar nach sieben erfolgreichen Jahren vor dem Aus und wird zum letzten Mal durchgeführt.[1] Das berufsvorbereitende Schuljahr (BVS) mit Schwerpunkt Integration (BSI), welches bisher organisatorisch der Lehrwerkstätte Bern angegliedert war, soll nicht mehr eigenständig als Frauenklasse weitergeführt werden. Die Schülerinnen sollen ab Herbst 06 in die allgemeinen berufsvorbereitenden Schulklassen (Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule, BFF) integriert werden. Dieser Entscheid der zuständigen kantonalen Stellen ist mehr als nur bedauerlich. Er ist angesichts der aktuellen Lehrstellenkrise unverständlich. Die Schwierigkeiten junger MigrantInnen eine Lehrstelle zu finden zeigen, dass im Bereich Berufsbildung und -vorbereitung grosser Handlungsbedarf besteht. Es ist bekannt, dass der Bedarf an gezielten Bildungsangeboten speziell für Frauen mit Migrationshintergrund besteht – diese Projekte sind sinnvoll und notwendig. Gerade im Bereich der naturwissenschaftlichen und technischen Berufe, wo Frauen noch immer stark untervertreten sind, leisten Projekte wie AMIE zentrale Vorbereitungs- und Integrationsarbeit. AMIE entspricht einem Bedürfnis, was die grosse Nachfrage nach diesem Angebot beweist. Seit seinem Start im Jahr 1999 haben 128 Frauen das Projekt AMIE besucht. Im letzten Jahr haben sich 40 junge Frauen für den Schnuppertag angemeldet.
Selbstverständlich haben dWir erachten sogenannte „Frauenklassen“ u.a. auch aus pädagogischen Überlegungen weiterhin nicht nur für sinnvoll, sondern für vermehrt ausbaufähig. Auch der Fokus auf technische, sogenannt „frauenuntypische“ Berufe hat angesichts des Potentials dieser Bereiche durchaus Berechtigung. Die Postulantinnen haben aber Verständnis dafür, dass sich ein Pilotprojekt laufend neuen Gegebenheiten anpassen muss und Veränderungen bezüglich Lerninhalten oder auch bezüglich Strukturen möglich sein müssen.
Von Kantonsseite ist keine nachvollziehbare Begründung zu erkennen, warum er das Projekt AMIE zum jetzigen Zeitpunkt abbrechen will. Damit geht das Fach- und Erfahrungswissen aus sieben Projektjahren verloren, ohne dass das Knowhow mit einer professionellen Evaluation nutzbar und transferierbar gemacht worden wäre. Andererseits verliert der Kanton Bern ein zielgerichtetes Schuljahr, welches einer gesellschaftlichen und (berufs-)bildungspolitischen Nachfrage entspricht. Zudem können die bisher im Projekt investierten privaten (Gewerkschaften) und öffentlichen Leistungen (u.a. Finanzhilfen nach Gleichstellungsgesetz / Lehrstellenbeschluss) keine Nachhaltigkeit erreichen. Zudem besteht die Möglichkeit für weitere Bundesfinanzierungen.[2]
Besonders für die Stadt Bern ist dieser Kantonsentscheid unverständlich. Gemäss dem gemeinderätlichen Bericht (November 2005) „Bekämpfung der (Jugend-)Arbeitslosigkeit. Strategien und Massnahmen 2005-2009“ wird sichtbar, dass junge Migrantinnen stark und bei den 15-19 Jährigen proportional am stärksten von Erwerbslosigkeit betroffen sind (Seite 33):
Anteile der registrierten Erwerbslosen in der Stadt Bern (Mai 2005)
| Anteil an Stadtbevölkerung | Anteil an Erwerbslosen | Anteil an Stadtbevölkerung | Anteil an Erwerbslosen |
| 15-19 Jahre |
| 20-24 Jahre |
|
Ausländerinnen | 11% | 22% | 11% | 20% |
Schweizerinnen | 35% | 25% | 45% | 30% |
Ausländer | 15% | 24% | 10% | 22% |
Schweizer | 40% | 29% | 33% | 29% |
Wir bitten daher den Gemeinderat,
- zu prüfen wie er bei den zuständigen Stellen (Kanton, BFF) intervenieren kann, damit die Aufbauarbeit und das Potential von AMIE erhalten und auch künftig ein spezielles berufsvorbereitendes Angebot für Migrantinnen nachhaltig gesichert wird.
- darzulegen, mit welchen Massnahmen (in Stadtkompetenz) er junge Migrantinnen beim Einstieg in die Berufsausbildung / in den Arbeitsmarkt unterstützt.
Anmerkungen
[1] Berichterstattung in den Medien (Bund, 1.12.2005: „Schulschluss für Amie?“) und die öff. Podiumsveranstaltung: „Führt die Berufswahl junge Frauen in die Sackgasse?“ vom 22.11.05.
[2] Innovationsartikel eidg. Berufsbildungsgesetzes (Art. 54, 55 BBG), welches die Schaffung von neuen tragfähigen Strukturen und besondere Leistungen im öffentlichen Interesse finanziell unterstützt, namentlich: a. Förderung der tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau und f. Massnahmen zur Integration Jugendlicher mit schulischen, sozialen oder sprachlichen Schwierigkeiten in die Berufsbildung.
