Welche Potenziale haben die KMU in der Stadt Bern?
Postulat Fraktion Grünes Bündnis / Junge Alternative JA! (Hasim Sancar, GB)
Die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind wichtige Akteure der Schweizer Wirtschaft. Sie schaffen Arbeitsplätze, bezahlen Steuern und leisten Beiträge an die Sozialversicherungen, und sie schöpfen Mehrwert für das BIP (Brutto Inland Produkt).
Viele InhaberInnen von KMU haben einen Migrationshintergrund. Das hat auch damit zu tun, dass ihr Zugang zum ersten Arbeitsmarkt erschwert ist, und dass sie eher von Arbeitslosigkeit betroffen sind als die Einheimischen, obschon sie prozentual einen höheren Anteil Erwerbstätige ausmachen. Die Gründung eines KMU ist für viele MigrantInnen eine Strategie gegen Arbeitslosigkeit und hilft, von der Sozialhilfe unabhängig zu bleiben. Auch in der Stadt Bern gibt es zahlreiche MigrantInnen-KMU.
Wie KMUs von SchweizerInnen funktionieren auch viele MigrantInnen-KMU als Familienbetriebe, andere haben Angestellten und können als wichtige Motoren der Wirtschaft gelten. Sie sind aber mehr, denn neben all den Beiträgen für die Volkswirtschaft leisten sie einen nicht zu unterschätzenden Integrationsbeitrag. Schon bei der Gründung eines KMU lernen MigrantInnen bürokratische Abläufe, gesetzliche Bedingungen und die wirtschaftliche Realität kennen. Funktionierende KMU können auch wichtige Orte der Begegnungen von MigrantInnen und Einheimischen sein. In diesem Zusammenhang wird auch von einer Scharnierfunktion zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft gesprochen (Zürcher Studie, sehe unten). Finanziell können sich diese MigrantInnen-KMU allerdings nur mit grossen Anstrengungen und langer Arbeitszeit behaupten. Mit einer gezielten Unterstützung und einem Fokus auf die spezifischen Problematiken dieser KMU-Gruppe im Rahmen der allgemeinen Wirtschaftsförderung können diese KMU besser reüssieren. In guter Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsamt und dessen Unterstützung könnten existierende KMU wirtschaftlich gestärkt werden, es wäre sogar möglich, neue Lehr- und Praktikumsstellen in diesen KMU zu schaffen, die in einer Wirtschaftkrise alternative Perspektiven bieten würden.
In einer kürzlich erstellten Studie der Stadt Zürich zur Situation der MigrantInnen-KMU heisst es, dass ein solches KMU „vielfältige Funktionen für die Gesamtgesellschaft,
aber auch für Personen mit Migrationshintergrund im Speziellen erfüllt und dadurch
sowohl integrations- als auch wirtschaftspolitisch von grosser Relevanz ist. Ethnic Business erzeugt eine bedeutende ökonomische Wertschöpfung, welche allerdings bislang empirisch nicht beziffert wurde. Zudem trägt Ethnic Business zur Diversität und Dynamik lokaler Ökonomien bei und ist als zentrales Merkmal einer multikulturellen Gesellschaft zu verstehen. Dadurch kann Ethnic Business auch zur Attraktivität von Städten und Quartieren beitragen.“ (aus: Grundlagenbericht „Ethnic Business“, Januar 2008). Weiter heisst es, dass gerade weil solche KMU ein beachtliches Potential für die Stadtentwicklung und gesellschaftliche Integration von MigrantInnen beinhalten, ist es mehr als sinnvoll, das Wissen über die Funktionsweise, den Charakter und ihre ökonomische Bedeutung zu erweitern. Erst dann könne dieses Potential optimal ausgeschöpft werden .
Das Nationale Forschungsprogramm NFP 51 hat sich auch mit dieser Thematik beschäftigt. In „Der Weg zur Integration? Die Rolle der selbständigen Erwerbstätigkeit von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz“ (Acronym: EthnicBusiness) werden interessante Erkenntnisse erläutert. So heisst es unter anderem, dass in der Schweiz „die institutionelle Hürden den Weg in die Selbständigkeit für Migrant/innen erschweren und schweizerische Ressourcen hilfreich und notwendig sind, um diese Hürden zu überwinden.“ Weiter weist auch diese Studie nach, dass „selbständig erwerbstätige Migrant/innen durch ihre unternehmerische Tätigkeit eine wichtige Rolle in Integrationsprozessen übernehmen und gewissermassen als Scharnier zwischen «Etablierten» und «Aussenseitern» fungieren. Die Unternehmer/innen unterhalten einerseits Kontakte zu «etablierten» Schweizer/innen und andererseits Beziehungen zu vielen anderen Migrant/innen, die über weniger Ressourcen verfügen als sie selbst und zu einem späteren Zeitpunkt in die Schweiz migriert sind. Als Arbeitgeber/innen stellen die selbständig erwerbstätigen Migrant/innen Arbeitsplätze zur Verfügung und ermöglichen damit «Co-Ethnics», d.h. Personen ihrer eigenen Herkunftsgruppe, die auf dem «offenen» Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben, eine Existenzsicherung.“
Die Stadt Bern sollte sich auch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Wir bitten daher den Gemeinderat, das Wirtschaftsamt der Stadt Bern mit einer Studie und einer Bestandesaufnahme der MigrantInnen-KMU in der Stadt Bern zu beauftragen. Folgende Fragen (nicht abschliessend) sollen dabei berücksichtigt werden:
1. Wie viele KMU gibt es in der Stadt Bern. Wie viel werden pro Jahr neu gegründet und wie viel gehen in Konkurs?
2. In welchen KMU-Branchen sind MigrantInnen v.a. vertreten?
3. Gibt es Unterschiede, die auf Herkunft und Migrationsgeschichte zurückgeführt werden können?
4. Welche besonderen Probleme und Schwierigkeiten haben die KMU in der Stadt Bern und mit welchen besonderen Problemen sind hier MigrantInnen-KMU betroffen?
5. Gibt es Möglichkeiten für Lehr- und Praktikumsstellen in diesen KMU, können diese verbessert werden, welche Massnahmen bzw. Unterstützung sind nötig?
